Hinweis: Dieser Artikel erschien als Gastbeitrag in Circular Economy Magazin am 30. März 2026.
Die Debatte über die Circular Economy kreist oft um Materialien, Recyclingquoten und Regulierung – und setzt damit an der falschen Stelle an. Entscheidend ist nämlich der Designprozess. Doch seit dem Bauhaus, als letzte große Designbewegung Deutschlands, wird Design hierzulande systematisch unterschätzt und nicht als strategisches Instrument verstanden, sondern auf Ästhetik und Formgebung reduziert.
Design wirkt als systemischer Hebel, wenn es sich an zwei Grenzen orientiert: an planetaren Grenzen und realen Kundenbedürfnissen. Beides lässt sich nicht nachträglich „an ein Produkt ankleben“. Es muss frühzeitig gedacht, getestet und übersetzt werden.
Design bestimmt über Materialwahl und Produktionsweise
Produkte sind die Konsequenz vieler kleiner und großer Entscheidungen: Welche Materialien kommen zum Einsatz, und wie werden sie verbunden? Aber auch: Wie lange hält ein Produkt, wie wird es repariert, weitergegeben oder wiederverwertet? Die Forschung im Bereich Sustainable Design zeigt seit Jahren, dass bis zu 80 Prozent der Umweltwirkungen eines Produkts in der Designphase festgelegt werden. Warum? Weil das Design über die Materialwahl, die Produktionsweise und damit auch den Produktionsort bestimmt.
Diese oft zitierte Zahl lässt sich in der Praxis beim Wandel von linear zu zirkulär gut beobachten: Ein Schreibwarenhersteller, der den Einsatz von recyceltem Kunststoff in seinem gesamten Produktportfolio erhöhen will, muss das Design seiner Produkte teilweise grundlegend überarbeiten. Der Grund: Rezyklate verhalten sich anders als Neuware. Aber schon kleine Änderungen an der Pressform führen dazu, dass sich das Produkterlebnis spürbar verändert. Beim Füller entscheidet ein Millimeter mehr oder weniger darüber, ob er ergonomisch in der Hand liegt oder nicht.
Die ESPR zwingt Unternehmen, ihre Produkte strukturell zu verändern
Die Konsequenz? Einige ikonische Designs lassen sich voraussichtlich nicht aus Rezyklaten herstellen und müssen aufgegeben werden. Andere können nur durch eine enge Zusammenarbeit von Design, Werkzeugbau und Materialentwicklung weitergeführt werden. Das Beispiel zeigt, warum einfache Materialsubstitution nicht immer funktioniert und Design am entscheidenden Hebel sitzt.
Mit der neuen EU-Verordnung Ecodesign for Sustainable Products Regulation, kurz ESPR, rückt das Produktdesign nun auch ins Zentrum der Regulatorik. Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Demontagefähigkeit, Materialtransparenz und digitale Produktpässe werden für viele Produktgruppen zur Pflicht. Entscheidend ist: Die ESPR geht damit weit über ihren Vorgänger hinaus, der die Energieeffizienz elektronischer Produkte verbesserte, und zwingt Unternehmen, ihre Produkte strukturell zu verändern.
Als methodische Brücke dienen dabei Normen wie die DIN-4555x-Reihe. Sie liefern ein Rahmenwerk, um Kreislaufanforderungen systematisch in den Designprozess zu integrieren. Wer diese Normen aber nur als Checkliste für Compliance liest, verpasst ihr eigentliches Potenzial. Denn Innovation entsteht genau dort, wo Unternehmen das gesetzliche Mindestmaß als Ausgangspunkt nehmen, nicht als Ziel.
Unternehmen sollten sich auf eine offene Innovationsreise begeben
Ein anschauliches Beispiel liefert der Schweizer Hersteller Freitag. Mit der Entscheidung, einen Rucksack zu 100 Prozent aus Monomaterialien zu entwickeln, entstand nicht nur ein neues Produkt, sondern am Ende auch ein neuer Nordstern für die Branche. Selbst einfache Modelle bestehen oft aus vielen Komponenten, jede aus einem anderen Material. Dieser hohe Ambitionsgrad hatte in der Umsetzung aber Konsequenzen: neue Lieferanten, intensive Forschung und Entwicklung mit bestehenden Partnern, neue Material- und Verbindungslösungen.
Das Produkt ist nicht innovativ, weil es Richtlinien erfüllt, sondern weil es regulatorische Kriterien als Ausgangspunkt nimmt, zu einem kaum erreichbaren Ziel umformuliert und im Anschluss im iterativen Designprozess nach der neuen Lösung sucht. Aus "Wir können" wird "Wie könnten wir" und damit eine offene Innovationsreise.
Design ist ein Prozess unter unsicheren Bedingungen
Solche Prozesse entstehen aber nicht zufällig – sie brauchen eine Struktur. Bewährt hat sich hier unter anderem das Double-Diamond-Modell aus dem Design Thinking. In einem ersten Schritt wird der Problemraum geöffnet: Wo versagt das bestehende Produkt aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer? Wo entstehen Hotspots sowohl ökologisch, in Form von Materialverschwendung, Emissionen oder Umweltverschmutzung, als auch ökonomisch, in Form von unnötigen Kosten oder Komplexität? Erst danach folgt der Lösungsraum, in dem Produktdesignteams gezielt Ideen entwickeln, testen und umsetzen. "Design" ist dabei nicht das visuelle Ergebnis am Ende, sondern der Weg dorthin.
Die Forschung zur nutzerzentrierten Gestaltung, etwa von Don Norman oder aus dem Umfeld der Ellen MacArthur Foundation, zeigt: Zirkuläre Produkte scheitern selten an fehlender Technologie, sondern an mangelnder Passung zum Alltag der Menschen. Design kann hier Brücken bauen und planetare Grenzen in nutzbare Lösungen übersetzen. So macht es nachhaltige Optionen nicht nur möglich, sondern auch attraktiv.
Wer Design auf Farbe, Form und Oberfläche reduziert, verkennt dieses Potenzial. Design ist ein Prozess unter unsicheren Bedingungen – zwischen ökologischen Anforderungen, regulatorischen Rahmenbedingungen und Kundenbedürfnissen –, der zu klaren, konkreten Lösungen führt. In einer Wirtschaft, die sich innerhalb planetarer Grenzen neu erfinden muss, ist genau das der entscheidende Innovationshebel.