04.03.26
Max Mauracher
Was wir aus unserem eigenen Circular Hub gelernt haben

Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir Kreisler in Berlin eröffnet: einen Nachbarschaftshub für Reparatur, Teilen und zirkuläre Services. Das Ziel war simpel, aber ambitioniert – die Circular Economy aus der Theorie in den Alltag zu holen.

Zwölf Monate später lässt sich eine zentrale Erkenntnis erstaunlich klar formulieren: Zirkularität funktioniert dann, wenn sie reale Probleme löst. Nicht, wenn sie Nachhaltigkeit erklärt. Nicht, wenn sie ökologische Dringlichkeit kommuniziert. Sondern wenn sie für Menschen die einfachste und nützlichste Option wird.

Viele Nachhaltigkeitsinitiativen scheitern daran, dass sie vor allem zu den bereits Überzeugten sprechen. Sie bleiben in der ökologischen Bubble. Die Eröffnung von Kreisler hat uns gezwungen, das anders zu denken. Wenn Circularity im großen Maßstab funktionieren soll, muss sie zugänglich, bezahlbar, verständlich und alltagsrelevant sein.

Accessibility und Affordability sind keine Nebenaspekte. Sie sind zentrale Designkriterien für zirkuläre Systeme. Wenn eine zirkuläre Lösung leicht zugänglich ist, Geld spart oder ein konkretes Problem löst, entscheiden sich Menschen ganz selbstverständlich dafür. Überzeugungsarbeit ist dann kaum mehr nötig. Zirkularität wird dann nicht als ökologische Entscheidung fürs gute Gewissen wahrgenommen, sondern als naheliegende praktische Lösung.

 

Kommunikation muss dem echten Leben folgen

Eine weitere zentrale Erkenntnis betrifft die Kommunikation. Ein Großteil der Nachhaltigkeitskommunikation ist zu abstrakt, zu komplex und zu homogen. Sie setzt Wissen, Interesse und Sprachkompetenzen voraus, die viele Menschen schlicht nicht haben. In einem Stadtteil wie der Berliner Gropiusstadt zeigt sich eine ganz andere Realität.

Menschen sprechen viele verschiedene Sprachen, sie haben unterschiedliche Prioritäten und begrenzte Zeit und begrenzte Budgets. Kommunikation muss sich daran anpassen. Bei Kreisler haben wir deshalb bewusst darauf gesetzt, Kommunikation niedrigschwellig, visuell, mehrsprachig und vor allem klar und praktisch zu gestalten. Statt Circular Economy zu erklären, zeigen wir konkrete Handlungen: Lass deinen Toaster reparieren. Leihe dir Werkzeuge, die du selten brauchst. Repariere dein Fahrrad selbst. Die Botschaft lautet nicht: „Sei nachhaltiger.“, sondern: „Das hilft dir jetzt und ganz konkret.“

 

Kreislaufwirtschaftliche Lösungen müssen mit echten Bedürfnissen beginnen

Ein wiederkehrendes Muster in der Nachhaltigkeitsinnovation ist, dass Projekte beim ökologischen Ziel beginnen – etwa bei der Reduktion von Emissionen oder Abfall. Diese Ziele sind wichtig. Aber sie können nicht der Ausgangspunkt sein, wenn die Lösung kein reales Nutzerbedürfnis erfüllt. Zirkuläre Lösungen skalieren nur dann, wenn sie mit dem Alltag von Menschen kompatibel sind – und ihn im Idealfall sogar vereinfachen.

Menschen reparieren Dinge, wenn Reparatur bequem ist. Sie nutzen Produkte weiter, wenn sie dadurch Geld sparen, und sie teilen Werkzeuge, wenn Zugang einfacher ist als Besitz. Circularity bedeutet deshalb, Services um das echte Leben herum zu gestalten – so chaotisch und widersprüchlich es auch sein mag.

 

Infrastruktur wirkt stärker als Bewusstsein

Eine weitere wichtige Erkenntnis: Verhaltensänderung entsteht selten allein durch Bewusstsein. Sie entsteht durch Infrastruktur. Wenn es Reparaturräume in der Nachbarschaft gibt, reparieren Menschen. Wenn Sharing-Angebote verfügbar sind, teilen Menschen. Wenn zirkuläre Produkte bezahlbar sind, entscheiden sich Menschen dafür. Die Aufgabe besteht daher nicht nur darin, bessere Geschichten über Nachhaltigkeit zu erzählen. Die Aufgabe ist, bessere Systeme zu bauen – Orte, an denen Zirkularität normal wird.

Nach einem Jahr Kreisler zeigt sich: Das Modell funktioniert. Menschen reparieren Hunderte Produkte oder lassen sie von unserer Repair Crew reparieren, und Werkzeuge zirkulieren durch die Nachbarschaft. Der Ort hat sich zu einem Dritten Ort und Treffpunkt für den Kiez entwickelt.

Am wichtigsten ist jedoch etwas anderes: Auch Menschen, die sich selbst niemals als „Nachhaltigkeitsfans“ bezeichnen würden, machen mit. Genau darum geht es. Denn Circularity wird nicht durch Early Adopters skalieren. Sie skaliert dann, wenn sie Teil des normalen Lebens wird.

Deshalb gehen wir jetzt in die nächste Phase: Scale-Out. Nicht durch zentralisiertes Wachstum, sondern durch ein gemeinschaftlich getragenes Expansionsmodell. Andere Initiativen können das Modell übernehmen, weiterentwickeln und eigene Hubs eröffnen. Unsere langfristige Vision bleibt einfach: Ein Kreisler in jedem Kiez.

 

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