27.03.26
Max Mauracher
Die ESPR greift lineare Geschäftsmodelle an

Die EU hat für Smartphones und Tabletsdurchgerechnet, was die Ecodesign-Richtlinie konkret bedeutet: weniger Umsatz, weniger Absatz, weniger Wachstum. Für Unternehmen, die noch voll und ganz auf Neuverkäufe setzen, ist das eine unbequeme Wahrheit; für alle anderen ist es eine strategische Einladung. Seit dem 20. Juni 2025 gelten Ecodesign-Anforderungen für Smartphones und Tablets in der EU. Bessere Reparierbarkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, längere Software-Updates, länger haltbare Batterien – klingt nach technischem Kleingedrucktem, ist es aber nicht.

Die Europäische Kommission hat modelliert, welchen Einfluss die ESPR bis 2030 im Vergleich zu einem Business-as-usual-Szenario haben wird. Die Zahlen sind eindeutig: 42 Millionen weniger verkaufte Geräte. 16 Milliarden Euro weniger Umsatz in der Industrie. 20 Milliarden Euro weniger Verbraucherausgaben. Gleichzeitig werden 75 % weniger Treibhausgase ausgestoßen, 2,2 TWh Strom weniger verbraucht und 98 € pro Haushalt und Jahr eingespart. Die Botschaft ist klar: Produkte, die länger halten, werden weniger oft gekauft. Das ist kein Bug, sondern das wesentliche Merkmal der ESPR.

 

Nur neu verkaufen gehört der Vergangenheit an

Die durchschnittliche Lebensdauer eines Mittelklasse-Smartphones steigt durch die neuen Ecodesign-Anforderungen von 3,0 auf 4,1 Jahre. Für Unternehmen, deren Umsatz auf regelmäßigem Neukauf basiert, bedeutet das: Der Motor, der den Absatz antreibt, wird langsamer. Nicht weil die Nachfrage verschwindet, sondern weil Produkte das tun, was sie schon immer hätten tun sollen – länger funktionieren.

Und Smartphones sind nur der Anfang. Die ESPR-Arbeitsplanung 2025–2030 umfasst Stahl, Aluminium, Textilien, Möbel, Reifen, Elektronik und Haushaltsgeräte. Horizontale Anforderungen wie Repairability Scores und Standards für z. B. die Recyclingfähigkeit kommen on top. Wer glaubt, die eigene Produktkategorie bleibt verschont, plant an der neuen Realität nachhaltiger Produkte vorbei.

 

Sinkender Umsatz braucht neue Formen der Wertschöpfung

Hier wird es interessant – hier trennt sich strategisches Denken von Panik. Die Richtlinie reduziert den klassischen Produktumsatz, öffnet aber gleichzeitig Wertschöpfungspotenziale, die in unserer linearen Wirtschaft schlicht nicht existieren.

Wenn Produkte länger leben, brauchen sie Wartung, Reparatur, Ersatzteile, Software-Updates, Aufarbeitung, Wiederverkauf. Das ist kein simples Side Business, sondern die Umsatzquellen einer zirkulären Ökonomie. Die Europäische Kommission rechnet allein für Smartphones und Tablets mit 0,8 Milliarden Euro zusätzlichen Reparatur- und Wartungskosten bis 2030 – ein neuer Markt, der direkt aus der ESPR heraus entsteht.

Für produzierende Unternehmen heißt das: Der Übergang von transaktionalen zu relationalen Geschäftsmodellen ist nicht mehr optional. Product-as-a-Service, Leasing, Take-Back-Programme, zertifiziertes Refurbishment – das sind nicht die Spielwiesen der Nachhaltigkeitsabteilungen. Es sind die P&L-relevanten Hebel der kommenden Jahre und Jahrzehnte.

 

Wer jetzt wartet, verliert zweimal

Einmal den Umsatz im alten Modell. Und einmal die Positionierung im neuen. Die ESPR schafft nicht nur neue Anforderungen. Sie schafft neue Märkte. Und in neuen Märkten gewinnt nicht, wer am schnellsten compliant ist, sondern wer am schnellsten versteht, wie sich Kundenbedürfnisse verschieben – und wie man sie bedient.

Verbraucher:innen sparen durch die Regulierung bis 2030 rund 20 Milliarden Euro. Aber nicht etwa, weil sie auf Qualität verzichten, sondern weil sie bessere Produkte seltener kaufen müssen. Das ist ein fundamentaler Shift in der Kundenbeziehung. Unternehmen, die das als Bedrohung sehen, werden schrumpfen. Unternehmen, die das als Designherausforderung lesen, werden wachsen – nur anders.

 

Was jetzt konkret ansteht

Die strategische Frage für produzierende Unternehmen lautet nicht: Wie werden wir ESPR-compliant? Sondern: Wie gestalten wir unser Geschäftsmodell so, dass Langlebigkeit zu unserem USP wird? Das erfordert eine ehrliche Bestandsaufnahmen. Wie abhängig ist unser Umsatz gerade vom Neuverkauf? Wo liegen ungenutzte Wertschöpfungspotenziale in der Nutzungsphase unserer Produkte? Welche zirkulären Services können wir aufbauen, bevor es unsere Wettbewerber tun?

Und es erfordert Kommunikation, die über Compliance hinausgeht. Kund:innen wollen verstehen, warum ein Produkt länger hält, was das für sie bedeutet und warum ein unter Umständen höherer Preis gerechtfertigt ist. Unternehmen, die diese Geschichte erzählen können, haben einen echten Wettbewerbsvorteil in der Markenwahrnehmung – und ermöglichen damit eine neue Art von Wachstum.

Die EU-Zahlen für Smartphones und Tablets zeigen etwas, das oft übersehen wird: Der Gerätebestand wächst trotz sinkender Verkaufszahlen – von 536 auf 653 Millionen Einheiten. Mehr Produkte sind länger im Umlauf. Es geht nur nicht mehr nur um den Moment des Kaufs, sondern um die gesamte Nutzungsdauer.

 

Für uns bei NEW STANDARD.S ist das keine abstrakte Beobachtung. Es ist der Kern unserer Arbeit: Unternehmen dabei zu unterstützen, zirkuläre Strategien zu entwickeln, die ökonomisch tragfähig sind – und kommunikativ überzeugen. Weil die beste Strategie nichts bringt, wenn sie niemand versteht.

Du willst wissen, was die ESPR für dein Unternehmen konkret bedeutet? Wir helfen dir, regulatorische Anforderungen in strategische Chancen zu übersetzen.

 

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